Zwei Männer Bouldern am Boulderblock
Dicker Hans oder Riesige Rosi?

Das Münchner Kraxlkollektiv hat in einem Tunnel die wahrscheinlich größte öffentliche Boulderwand der Welt geschaffen. Die „Riesige Rosi“ kommt auf 700 Quadratmeter Wand- und Deckenfläche. Bouldern kann man dort wie am Dicken Hans (Bild) kostenlos

Lesezeit: 10 Minuten

Bouldern in München: „Kraxlkollektiv“

Durch diese Unterführung ging man nicht mal bei Schneegestöber. Schwach beleuchtet war der Fußgängertunnel unter der Rosenheimer Straße. Es roch nach Pisse, die Wände waren dilettantisch besprüht: 75 Meter Grauen. Allenfalls ein paar Jugendliche aus NPL (Neuperlach) und RMD 16 (Ramersdorf) hatten Spaß, indem sie sich per gesprühter Nachrichten gegenseitig mit „Fuck you!“ oder „Go to hell!“ bedachten.

Das ist seit September 2023 ganz anders. Das „Kraxlkollektiv München“ hat die Rohre zwischen Wilram-Park und Alt-Ramersdorf im Münchner Südosten in 75 Meter Spaß verwandelt. Die „Riesige Rosi“ ist die wohl größte öffentliche, kostenlose Boulderwand der Welt. 

700 Quadratmeter Wände und Decke hat die Gruppe begeisterter Boulderer um Maximilian Gemsjäger geschaffen. Der junge Architekt hatte die Idee. Und besaß die nötige Energie, um die Stadtverwaltung zu überzeugen, Sponsoren zu finden und eine Gruppe Ehrenamtlicher zu aktivieren.

Kletterer an der kostenlosen Kletterwand

5.000 Arbeitsstunden, alle freiwillig!

Für die Vision „Gratis Bouldern für alle“ wurde das Kraxlkollektiv 2022 mit dem Ehrenamtspreis des DAV ausgezeichnet. Insgesamt leisteten mindestens hundert Leute 5.000 Stunden freiwilliger Arbeit. Der Deutsche Alpenverein hat das Kollektiv in den DAV Oberland eingegliedert und unterstützt das Projekt, auch Privatleute und Firmen spenden Material und Geld.

Das Kraxlkollektiv wurde 2022 mit dem Ehrenamtspreis des DAV ausgezeichnet

Maximilian sperrt sein Rennrad ab, geht die Treppe runter in den Tunnel und meint: „Eine Rutschbahn wäre cool, am besten an einer Hälfte der Treppe!“ Dann zieht er seine Boulderschuhe an. „Es geht auch mit Turnschuhen“, bemerkt er. „Eigentlich ist das Projekt für mich abgeschlossen. Um die laufenden Arbeiten kümmern sich um die zwanzig Leute.“

Kraxlkollektiv, Timo Etterer, Teresa Hertel, Daniel Strohbach, Inga Reinke, Bouldern in der Riesigen Rosi
Zwei Hände formen ein Herz um einen Boulder-Griff

Crimps, Sloper und Henkel

Er schnappt sich einen roten Henkel, das sind bequeme Griffe, in die man hineinfassen kann, und klettert spielerisch zwei Meter hoch. Schräg über dem Schriftzug „Kraxlkollektiv“ stehend musste er nachdenken, ob ein Crimp (eine Art Leiste) oder ein Sloper als nächstes günstiger wäre. Sloper sind kugelige Teile zum Greifen.

Er springt aber ab und erzählt weiter: „Die Griffe haben Namen, so verständigen wir uns international. Jede Farbe steht für eine Route mit einem bestimmten Schwierigkeitsgrad. Wir bekommen sie von Boulderhallen geschenkt, da wird häufig aussortiert. Auch die meisten Volumes, das sind Vorsprünge in verschiedenen Formen, sind Spenden.“

Boulderblock

Monatliche Bouldertreffs

Eine der vielen Vorschriften, die es zu beachten galt, war die Spielplatznorm. Die verlangte den weichen Boden, der Stürze abfedert. Einfach nur durchlaufen sollten Fußgänger nicht mehr, um nicht zu viel Schmutz reinzubringen. So kann man auf dem Boden liegen, Yoga machen, sich ausruhen. Kleinkinder krabbeln herum oder ziehen sich an den untersten Griffen hoch, um quietschend auf den Po zu fallen.

Einmal im Monat ist Bouldertreff in der Riesigen Rosi. Passende Schuhe kann man sich gratis ausleihen, und zwar im Nachbarschaftstreff Trambahnhäusl, der auf der Mittelinsel der Rosenheimer Straße zahlreiche weitere Aktivitäten anbietet.

Timo Etterer ist verantwortlich für das Routenschrauben. Er hängt an der Decke wie eine Spinne, hangelt sich von Griff zu Griff und steigt elegant an der Seitenwand des Tunnels ab. „Ich teste eine unserer 7er-Routen, die habe ich neu geschraubt“, sagt er und klopft sich das Magnesium von den Fingern.

Timo Etterer vom Kraxlkollektiv klettert an der kostenlosen Boulderwand in der Unterführung unter der Rosenheimer Straße in München

Schluss mit der Urangst vor dem Fallen

„Wir haben hier sechs Schwierigkeitsgrade. Hier finden alle was – von Kindern bis Profis. Oft braucht man mehrere Anläufe, bis man eine Route kapiert hat. Es ist wie ein Puzzle, das man zusammensetzen muss, während man in der Wand hängt. Wenn ein Rätsel gelöst ist, will man ein neues, deshalb schrauben wir die Griffe alle ein bis zwei Monate um.“

Woher kommt diese Begeisterung? Warum hängen manche Menschen in jeder freien Minute an der Wand oder im Fels? Ein paar Leute geben in einer Kletterpause dazu Auskunft: „Man löst Rätsel und ganz nebenbei strengt man sich auch körperlich an!“ – „Es ist der Zusammenhalt. Du findest immer Leute, mit denen du dich austauschen kannst.“ – „Beim Bouldern überwindet man die Urangst vor dem Fallen, denn man befindet sich nie so weit oben, dass man sich ernsthaft weh tun könnte.“

Die Künstler Pyser und Kult, bürgerlich Benjamin Calliari-Herzberg und Robert Posselt in der Riesigen Rosi in München

Zum Bouldern viel bunte Kunst

Was die einen beim Bouldern gefunden haben, treibt auch die Street-Artists vom Kollektiv „Blauer Vogel“ an, dass die Riesige Rosi gestaltet hat: der Flow. Pyser und Kult, bürgerlich Benjamin Calliari-Herzberg, selbstständiger Grafikdesigner, und Robert Posselt, Diplompsychologe, gehören zu der Gruppe.

Seit sie als Jugendliche das erste Mal mit Graffiti in Verbindung gekommen sind, sind Pyser und Kult der Urban Art verfallen. Bei dem einen war es der große Bruder, der mit Spraydosen losgezogen ist, der andere hatte eine Schallschutzwand vor der Nase, die immer bunter und schöner wurde.

„Das will ich auch machen“, dachten die Jungs, jeder für sich, der eine in Berlin-Pankow, der andere in Cottbus. Sie malten unzählige Skizzenbücher voll, Dosen wurden geklemmt und Entwürfe als Urban Art auf die Wände gebracht. Sehr schnell bekamen die Jugendlichen erste legale und sogar bezahlte Aufträge.

Die Künstler Pyser und Kult in der Unterführung
Urban Art zum Klettern in der Unterführung unter der Rosenheimer Straße in München

Das Kunstkonzept? Go for it!

Viele Wände später sitzen die beiden, inzwischen Anfang vierzig, auf dem Boden der Riesigen Rosi, als Abgesandte des Kollektivs, das zu viert plante, sprühte und malte. „Die Kraxler haben uns gefragt, ob wir Lust hätten, den Tunnel zu gestalten. Go for it, haben sie gesagt, das war‘s. Null Vorschriften“, erinnert sich Robert. „Uns gefiel alles an dem Auftrag: die künstlerische Freiheit, die soziale Funktion der Röhre und das Kollektiv. Alles coole Leute.“

Eine Wand ist den Bergen gewidmet, helle Farben dominieren: Blau wie der Himmel, Felsgrau und zwischendrin bunt gekleidete Kletterer. Über die Decke ziehen Schwalben. Die gegenüberliegende Seite ist eine Hommage an New York und an klassisches „Old School Graffiti“.

Architekt und Gründer des Kraxlkollektiv München in der Riesigen Rosi beim Boldern

„Über den violetten Grundton haben wir eine Stadtsilhouette bei Nacht gemalt. Eine Hochbahn natürlich, erleuchtete Fenster, Spiderman. Cooles Bronx-Feeling. Die Aufgänge und eine Türe haben wir im Originalzustand gelassen, um etwas vom vorherigen Zustand der Wände einzubeziehen, da sind noch die Tags der Jungs zu sehen, die da gesprüht haben.“

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