Loisach Marci
In Lackschuh und Lederhose

Das Musiker-Duo Marcel Engler und Jens-Peter Abele geht nicht gern wandern, weiß sich aber gut zu inszenieren. Ein bemerkenswerter Nachmittag rund um Garmisch-Partenkirchen mit Gesprächen über die Heimat, das Universum – und eine ordentliche Watsch’n vom lieben Gott. Text: Florian Kinast, Fotos: Thomas Linkel


Lesezeit: 14 Minuten

Durch die Partnachklamm mit Loisach Marci

Kurz nach der Anschlussstelle Sindelsdorf auf der A 95 Richtung Süden. Vorn rücken die wuchtigen Wände des wilden Wettersteinmassivs allmählich näher, als plötzlich eine bittere Erkenntnis durch das Hirn jagt. Mist! Haben wir also doch etwas vergessen, zu Hause in München. Die Stirnlampen!

Für unseren Termin mit den beiden Protagonisten von Loisach Marci sind wir an diesem Nachmittag schließlich erst nach 15 Uhr im Skistadion von Partenkirchen verabredet. Und wenn es so kommt, wie beim telefonischen Vorgespräch wenige Tage zuvor vereinbart, mit einer ausgiebigen Wanderung hinauf auf Berge, Almen, Hütten, dann dürfte sich das hinziehen.

Jens-Peter Abele, einer der beiden Marcis, kündigte ja noch an, sie würden sich da schon noch was Besonderes einfallen lassen. Spektakuläre Bilder auf den Gipfeln, Abendbrotzeit in der Dämmerung, Sonnenuntergang in der Höhe, solche Sachen seien zu erwarten, das volle Programm, bestimmt würde man erst weit nach Einbruch der Dunkelheit ins Tal zurückkehren.

Bayern-Botschafter Loisach Marci am Pflegersee

Nicht ohne mein Sauerstoffzelt

Eine knappe halbe Stunde später am Treffpunkt, am Fuß der Sprungschanzen. Abele steigt aus dem Tourbus der Band, er trägt einen bemerkenswerten karierten Anzug und schwarze Lackschuhe. Auf die Frage, wohin wir mit unseren vollgepackten Rucksäcken nun aufbrechen würden, entgegnet er: „Wandern? Über 700 Meter Meereshöhe brauche ich ein Sauerstoffzelt.“ Es wird schnell klar: Dieser Nachmittag wird anders als geplant, sehr unerwartet und außergewöhnlich. So eigen, wie das Duo von Loisach Marci eben ist.

„Wandern? Über 700 Meter Meereshöhe brauche ich ein Sauerstoffzelt.“

Seit 2015 spielen Marcel Engler und Jens-Peter Abele zusammen, und unter all den vielen jungen Bands, die mit individuellen Ansätzen einen ganz eigenen, neuen und frischen bayerischen Sound erzeugen, sind die Marcis die vielleicht unkonventionellste Formation. In jedem Fall eine der überraschendsten.

Zum einen Marcel Engler, geboren in Garmisch, immer unterwegs in Tracht, mit Lederhosen, ein fesch gegerbter Bursch mit chronisch grimmigem Gschau. Ein Musikvirtuose, der mehr als ein Dutzend Instrumente beherrscht, von der Jazztrompete über den Kontrabass bis zum Alphorn. Zum anderen Jens-Peter Abele aus Büsum an der dänischen Grenze, stets hip gestylter Musikproduzent mit Faible für Elektro-Sound und einer schmerzfrei manierierten Coolness.

Wildbach Partnach

Mit Loisach Marci durch die Klamm

Hackbrett meets Hip-Hop, Tradition trifft Techno, zwischen Kuhweide und Kellerclub, Heimatsound 4.0. Es gab schon viele Versuche, diese spannende, kontrastreiche Crossover-Melange zweier Musikwelten zu kategorisieren. „Aber wir wollen uns nicht festlegen, uns nicht einfangen lassen“, sagt Marcel Engler, als wir nach einigen Verhandlungen zu machbaren Routen doch bedächtig erste Schritte wagen, hinter in Richtung Partnachklamm, natürlich unterwegs im Flachen.

Als Bub war der kleine Marcel immer wieder hier. Hörte die alten Geschichten, die davon erzählten, wie die Klamm im 18. Jahrhundert zur Holztrift genutzt wurde, wie sie die Bäume aus den Wäldern rund ums Reintal durch die Partnach Richtung Norden treiben ließen und später wieder aus dem Wasser fischten.

Heute ist die 700 Meter lange Klamm eine der größten Besucherattraktionen des Werdenfelser Lands. Auch an diesem Nachmittag quetschen sich viele Urlauber mit eingezogenen Köpfen und gebeugt durch die schmalen Felsgänge, die Anfang des 20. Jahrhunderts für die touristische Erschließung mit Dynamit aus dem Berg gesprengt wurden.

Madonna-Statue in der Klamm
Wanderung mit Loisach Marci in der Partnachklamm

Alpines Kraftwerk mit 100 Dezibel

An manchen Stellen öffnen sich die Wände, bricht die Sicht auf den Himmel durch. Von oben perlen arglose Wassertröpfchen in die Tiefe, um von den gierigen Fluten des tosenden Wildbachs verschlungen und mitgerissen zu werden.

Bis zu 100 Dezibel laut, das wurde mal gemessen, ist die Klamm der Partnach an manchen Stellen, ein Grundrauschen, das auch Marcel geprägt hat. Er blickt auf den ungezähmten Wildbach und sagt plötzlich: „Alpines Kraftwerk. Das ist das, was unsere Musik vielleicht am besten trifft.“

Neben ihm posiert Jens-Peter für das nächste Foto, unter den leicht entgeisterten Blicken einer spanischen Familie, die sich nicht schlüssig zu sein scheint, ob ihr die Enge der Schlucht unheimlicher erscheint oder die Szenerie des Fotoshootings, und die nun in jedem Fall zusieht, schleunigst das Weite zu suchen. Vamos. Rapido.

Wenig später, am südlichen Ausgang der Klamm. Hell und freundlich breitet sich der Blick ins Reintal aus, die Partnach ist mit einem Mal wieder ein friedlich dahinmurmelndes Bergbächlein. Irgendwo weiter hinten thront die Zugspitze, wer möchte, könnte von hier zu Fuß weiter und den höchsten Berg der Republik besteigen. Von hier aus sind es knapp zehn Stunden, gut 20 Kilometer und mehr als 2.000 Höhenmeter – nichts für heute. Nichts für Lackschuhe.

Loisach Marci in der Partnachklamm

Jetzt aber: Hoch aufs Graseck

Hoch geht es dafür links in kleinen Serpentinen aufs Graseck, ein charmantes Plateau auf immerhin schon knapp 900 Meter Meereshöhe, die Jens-Peter Abele dann ohne künstliche Sauerstoffzufuhr zwar schwer schnaufend, aber recht tapfer bewältigt. Viel geht es in den Gesprächen mit den beiden unterwegs um den Mut auszubrechen, sich von starren Mustern zu lösen.

Früher waren die beiden noch mit einer großen Band auf Tour, bis sie merkten, dass die Symbiose des Gegensatzes am besten in der minimalistischen Form einer Koexistenz zu zweit funktioniert. Es geht weiter ins Philosophische, fast ins Übersinnliche, als die beiden am Graseck von den Erfahrungen und Erlebnissen bei ihren Auftritten erzählen.

Wie sie immer ganz ohne Set-List auf die Bühne gehen und dann einfach drauflosspielen, wie ihr alpines Kraftwerk on stage auf Touren kommt, mit Harfe, Alphorn, E-Gitarre, mit Synthi, Zither und der Ziach. Wie schwer man ihre Musik greifen und wie leicht man sie an den unterschiedlichsten Orten verorten könnte. Manchmal in eine Blues-Bar in Tennessee, manchmal in einen Elektro-Club in London. Und zwischendrin auch in einen „Volksmusik-Festsaal“ in der bayerischen Heimat.

Jetzt wird’s philosophisch!

Besonders berührend seien die Begegnungen mit Besuchern nach den Konzerten. Marcel spricht von Menschen, die ihre Auftritte gar als spirituelles Erlebnis rezipieren und zelebrieren. Die Marcis und die Mystik! Es geht auch bei Jens-Peter noch um die existenziellen Fragen des Lebens, um Sinn und Unsinn, um die Bedeutung der Menschheit im Universum. Und wie klein man doch sei, wie unbedeutend. „Irgendwo im Weltraum“, sagt er, „auf einem winzigen blauen Punkt.“

Gottes Watsch’n

Als die Gedanken abdriften ins Metaphysische und in die Unendlichkeit, weist ein ganz irdisch-realer Pfeil nach rechts oben, hinauf zum „Eckbauer“. Irgendwo da oben, sagt Marcel, habe er sein Erweckungserlebnis gehabt, in einer Hütte, in der es so nach Kaiserschmarrn roch wie auf der gleichnamigen Alm am Graseck. Es war aber viel mehr der Klang, der ihn prägte, der Klang der Volksmusik, den Männer in Tracht in den Raum zauberten, mit Hackbrett, Zither und Akkordeon. Dazu sanfter Gesang. Das habe ihn zur Musik gebracht. Heute sagt er dazu: „Das war Gottes Watsch’n.“

Das habe ihn zur Musik gebracht. Heute sagt er dazu: „Das war Gottes Watsch’n.“

Auf dem Eckbauer war Engler schon lang nicht mehr, diesem sanften Buckel mit gut 1200 Meter Höhe, mit seiner wundervollen Berggaststätte und dem kolossalen Blick von der Terrasse aus auf die Steinflanken des Wetterstein. Dort hinauf geht es an diesem Tag nicht mehr, es beginnt der Abstieg.

Es geht über die Eiserne Brücke, die einzige Überquerung der Klamm, 1914 erbaut, mit einem sagenhaft Tiefblick 70 Meter senkrecht in die Schlucht, weiter auf der Westseite über einen Wanderpfad zurück ins Tal. Zurück zum Skistadion, dort wo Hitler den ersten Teil seiner propagandistischen Olympia-Show 1936 inszenieren durfte und wo sich heute alljährlich am Neujahrstag die besten Skispringer der Welt von der Schanze stürzen.

Beschilderung Wanderwege
Gasthaus und Berglandschaft in Garmisch-Partenkirchen

Finale am Pflegersee

Weiter zur nächsten Station, über die Loisach, der Namensgeberin der Marcis, jenen Fluss, der für Marcel Engler als Kind der liebste Spielplatz war, zum Pflegersee. Ein aufgestauter Weiher direkt am Fuß des Königsstands. Einst, vor vielen Jahrhunderten war er Wasserlieferant für die benachbarte Burg Werdenfels, heute ist er Ausgangspunkt für Wanderungen und für die Marcis immer wieder eine beliebte Foto-Location, mit krummem Alphorn und kariertem Anzug, was zwischendrin wie eine nicht ganz ernst zu nehmende Persiflage anmutet.

Gerne würde man den Tag entspannt bei Brotzeit, Getränken und Gesprächen ausklingen lassen, die beiden empfehlen den „Berggasthof Panorama“ unterhalb vom Wank. Hat eine schöne Aussicht, aber leider Ruhetag. Also noch letzte Bilder auf der leeren Terrasse in der Frühabendstimmung mit Gegenlicht, dann ziehen die Marcis weiter.

Es geht zurück nach München. Zurück von einem bemerkenswerten Nachmittag mit einem sehr speziellen Gespann. Heimfahrt durch Bayern, dieses wundervolle Land auf einem kleinen, blauen Punkt im Weltraum.

Bayern-Botschafter Loisach Marci am Pflegersee

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