Stressbewältigung? „Kein Handy, kein Laptop, keine Uhr“
Bayern-Insider | Marie-Luise Freimuth
Zeitreise zur Achtsamkeit

Marie-Luise Freimuth lässt die Gäste ihres historischen Vierseithofs den bäuerlichen Alltag vor 100 Jahren nacherleben und sie dabei zu sich selbst finden. Eine außergewöhnliche Art, Entspannung zu suchen und zu finden

Entspannungs-Trainerin Tilli

Zischend saust die Sense durchs hohe Gras. Einmal, zweimal, dann bleibt sie plötzlich hängen. „Schon wieder!“, ruft der „Azubi“ beim Sensenworkshop auf „Tilli‘s Hof“ im Bayerischen Wald. Beinahe meditativ ist die kleine Gruppe in ihre Arbeit versunken.

„Durch das Lebensgefühl und die Arbeitsmethoden wie vor 100 Jahren erkennt man, wie man im Hamsterrad läuft“, sagt Marie-Luise Freimuth, genannt Tilli. „Und kann dann an der selbstzerstörerischen Lebensweise Schritt für Schritt etwas ändern.“ Impulse zur Entschleunigung und Stressbewältigung zu geben, das ist Freimuths Ziel in ihren Kursen. Waldbaden, Meditation und Kräuterkunde, Yoga und innere Einkehr bilden die Basis der sogenannten Bayerisch Retreats.

Der Vierseithof in Unternaglbach ist 200 Jahre alt

Der Vierseithof in Unternaglbach ist 200 Jahre alt

Bauernhof statt Business

Wenn es um Stress geht, weiß die Hofchefin, wovon sie spricht. Als gelernte Bankkauffrau war sie in Führungspositionen im Marketing und Finanzbereich tätig. Lange schlummerte der Wunsch in ihr, auf einem Bauernhof zu leben: „Immer nur Zahlen, Daten und Fakten boten mir auf Dauer einfach zu wenig vom Leben“, sagt sie lachend.

Vor gut 23 Jahren hängte Tilli den Job an den Nagel: „Ich hab’ mich auf den Weg gemacht, um meine Berufung zu leben – weil ich wusste, dass ich das tun muss.“ Sie absolvierte eine Ausbildung zur Entspannungstrainerin, zur Wald-, Natur- und Landschaftsführerin.

Heubaden im früheren Getreidelager

„Das ist der Hof, den ich vor meinem geistigen Auge schon immer gesehen habe“, sagt Tilli über ihren mehr als 200 Jahre alten Vierseithof, den sie im Dörfchen Unternaglbach entdeckte und behutsam sanierte. Gäste übernachten in rustikalen Stuben im Bauernhaus oder in Schlafnischen auf dem Dachboden.

In der Küche im ehemaligen Kuhstall kochen alle gemeinsam, von altbayerisch bis vegetarisch. Es gibt eine historische Schmiede und einen „Troadkasten“, in dem früher Getreide lagerte. Heute darf man dort Heubaden. Mit vielen Requisiten bäuerlichen Lebens ist „Tilli‘s Hof“ sogar attraktiv für Filmteams auf der Suche nach Heimatfilm-Drehorten.

Die Zeitreise beginnt mit einem Kleidertausch

Die Zeitreise beginnt mit einem Kleidertausch

Kein Handy, keine Uhr, keine Jeans

Die Zeitreise beginnt mit dem Kleidertausch

Inspiriert von diesem Umfeld, hat Marie-Luise Freimuth eine neue Methode der Stressbewältigung entwickelt: „Keine Handys, keine Laptops, keine Uhren“, heißt es gleich zu Beginn des Seminars „Heute leben wie damals“. Die Zeitreise beginnt mit einem Kleidertausch: Kleid und Kopftuch für die „Mägde“, Arbeitshosen und Hut für die „Knechte“.

„Biografie ist unwichtig“, sagt Tilli, „egal ob arm oder reich, ob jemand eine Marken-Jeans anhat oder toll gestylt ist.“ Die einheitliche Kleidung soll helfen, sich vom Alltag zu distanzieren und das Wir-Gefühl stärken. Es geht dann nur um den Menschen.

Für ein paar Tage leben wie 1900

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"Tilli's Hof" dient auch als Filmkulisse

"Tilli's Hof" dient auch als Filmkulisse

Entschleunigung schon beim Kaffeekochen

Nach der Morgenglocke beginnt der Tag mit Kaffeekochen auf historische Art: „Hier muss man erst mal den Holzofen anheizen und dann 20 Minuten warten, bis das Wasser kocht – das ist eine erste Geduldsübung und wirkt sehr entschleunigend“, sagt Freimuth.

Dann wird gemeinsam Heu gemacht, Holz gehackt und der Kartoffelacker gejätet – unterbrochen von Entspannungsübungen und Meditation. Die Wellness wirkt auf subtile Weise durch das Eintauchen in ungewohnte Aufgaben, das innerliche Wachstum, wenn man an seine körperlichen Grenzen kommt. „Wenn jemand voller Aggressionen ist, geht er halt eine Extrarunde Holzhacken“, schmunzelt Tilli.

 

Gemeinsames Meditieren in der Natur

Gemeinsames Meditieren in der Natur

Das Hamsterrad anhalten

Die Entschleunigung kommt auf leisen Sohlen: „Durch die Zeit hier wird man achtsamer und kann dadurch neue Kräfte entwickeln, um das Leben zu meistern“, sagt Freimuth. „Wenn man das Hamsterrad mal ein paar Tage anhalten konnte, das Wesentliche wieder erlebt hat, dann sieht man, was auch im Alltag wirklich wichtig ist.“

Schließlich hat es die Hofchefin durch ihren Ausstieg selbst erfahren: „Mein Leben hat sich dahingehend geändert, dass ich heute sehr reduziert lebe. Ich bin glücklich, weil ich so leben kann, wie ich es immer wollte.“

Mehr zu „Tilli’s Hof“, ihren Kursen und dem Leben wie anno dazumal unter tillishof.de

Entspannungstrainerin Marie-Luise Freimuth aka Tilli

2 Tipps

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